Sexuelle Erregung bei Mann & Frau: Aus 2 mach 1!

Männer sollen angeblich schnell und Frauen langsam sexuell erregt werden. Was ist aber, wenn der Unterschied gar nicht so groß ist?

Überblick

Mythos „Männliche und Weibliche Erregungskurven“

Männer sollen eine schnelle Erregungskurve haben. Sofort bereit sozusagen. Frauen hingegen ein flache und langsame Erregungskurve. Daraus folgt, dass der Mann auf die Frau beim Sex warten muss- oder eben, dass er entsprechende Vorarbeit im Vorspiel leisten muss. So der Mythos, der sich seit den 1950er und 1960er Jahren und den Studien von Masters und Johnson hält. Der Mythos wird seit dem von Sexualtherapeuten gebetsmühlenartig wiederholt und tradiert. Die (sozialen) Medien tragen ihres dazu bei.

Sind Männer und Frauen viel ähnlicher als gedacht?

Einem Sprichwort zu Folge, sind Frauen von der Venus und Männer vom Mars. Abgesehen davon, dass es sich hier um ein stark vereinfachender Stereotyp handelt, lohnt es sich, die Geschichte mit der sexuellen Erregung näher zu betrachten. Einen sehr lesenswerten Beitrag liefert das Buch von Eilert Bartels. Darin nähert sich der Therapeut aus geschichtlicher Perspektive, aus der eigenen Praxiserfahrungen der Sexualtherapie dem Thema, und vergleicht dies mit wissenschaftlichen Studien. Ein Zitat bring seinen Ansatz auf den Punkt:

„Wer Menschen erklärt, wie sie funktionieren, sorgt möglicherweise dafür, dass sie so funktionieren, wie man es ihnen erklärt hat.“

Eilert Bartels in seinem Buch

Der Autor lädt seine Leser*innen ein, die bisherigen Glaubensätze und die darauf aufbauenden Erfahrungen und Erkenntnisse zu überdenken – am besten zu vergessen und offen einen Neustart bei diesem Thema zu wagen. Wie so oft helfen vereinfachende Typologien wie „Frauen sind so“ und „Männer sind so“ nur bedingt weiter. Auch wenn man glaubt, Gemeinsamkeiten innerhalb der männlichen und weiblichen Erregungskurven zu kennen, lohnt sich eine detailliertere Analyse.

Sexuelle Erregung bei Mann & Frau: Aus 2 mach 1!
Sexuelle Erregung bei Mann und Frauen – Mythen, Unterschiede und Ähnlichkeiten

Mythos sexuelle Erregung: Schnelle Männer, langsame Frauen

Eilert Bartels stellt in seinem Buch eigener Forschungen vor und vergleicht diese mit internationalen Studien. In seiner Umfrage nahmen immerhin 400 Teilnehmer*innen. Wer selbst eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben hat (Diplomarbeit, Masterthesis) weiß die beachtliche Anzahl zu schätzen.

Dabei zeigt sich ein völlig anderes Bild sexuellen Erlebens, als es die tradierten Erklärungsmodelle beschrieben haben. Die Unterschiede sind viel geringer als erwartet.

der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist viel geringer, als erwartet. Weitere statistische Auswertungen bestätigen Bartel´s Bild der Ähnlichkeiten zwischen Männern und Frauen. Ebenso lassen sich die Ergebnisse durch aktuelle wissenschaftliche Studien weitestgehend belegen.



ER soll auf SIE eingehen, und nicht auf SIE warten

Auf der physischen Ebene lässt sich die Notwendigkeit „der Mann habe auf die Frau zu warten“ widerlegen. Die Erregbarkeit von Mann und Frau wird vielmehr durch eine Reihe emotionaler Faktoren beeinflusst. Durch mehrere Zitate aus seiner Umfrage untermauert der Autor seine These, dass Vertrauen, Leidenschaft und Lust die Erregung begünstigen. Auf der anderen Seite wird diese durch Angst, Unlust und Misstrauen verzögert, oder ganz verhindert.

Scham, Misstrauen und Schuldgefühle

Im Folgenden untersucht Bartels, warum sich der Mythos der unterschiedlichen Erregbarkeit bis heute so hartnäckig halten konnte. Der gesellschaftliche und moralische Umgang mit Sexualität, besonders Scham und Misstrauen sind dafür symptomatisch. Er nimmt die Leser*innen auf einen äußert interessanten und lesenswerten Ausflug in die Steinzeit mit. Dort zeigt der Autor den Zusammenhang zwischen Scham, und die dadurch auslösenden Schuldgefühle, Kopulation und Zeugung. Sex dient (auch) der Fortpflanzung und Arterhaltung. Durch die Instrumentalisierung – vor allem von religiösen Organisationen – wird die Leidenschaft und die Lust an Sex als etwas abnormales und unartiger definiert. Ein aktives Liebesleben und die Offenheit darüber zu sprechen wird tabuisiert und verhindert.

Lesenswert sind in dem Buch die vielen Fallbeispiele und Zitate. Es wird hier anschaulich beschrieben, welche Folgen die gesellschaftlich verbreiteten Bilder über die unterschiedliche Erregbarkeit von Mann und Frau auf die einzelnen Individuen beiderlei Geschlechts haben.

Fazit: Eigenverantwortung & Selbstbestimmung als Voraussetzung

Nicht zuletzt präsentiert er verschiedene Lösungsansätze zum Umgang mit Scham und Misstrauen sowie tradierten Geschlechterrollen. Es geht um die Überwindung dieses schambehafteten Denkens und Verhaltens, und den damit verbundenen Schattenseiten.

Menschen sind die einzigen Säugetiere, die freiwillig Sex miteinander haben können. Sex ohne Zuwendung und Hinwendung verkommt jedoch nur zur physischen Übung. Ein erfüllendes Liebesleben setzt jedoch Eigenständigkeit, Eigenverantwortung und sexuelle Selbstbestimmung voraus. Dies setzt da Erkennen und Ausleben der eigenen Bedürfnisse und auch die des/der Partner/in voraus. Hiermit reiht sich Bartels Buch in die Slow Sex Bewegung ein, und er appelliert für eine (neue) Achtsamkeit im Liebesspiel. Bei Slow-Sex steht die Fokussierung auf das was man gerade tut im Vordergrund.

Lesetipps

Bartels, Eilert (2016) Männliche und weibliche Erregungskurven: Plädoyer für eine sexuelle Selbstbestimmung jenseits von Scham und Rollenklischee

Richardson, Diana (2011) Slow Sex: Zeit finden für die Liebe.

Richardson, Diana & Michael (2016) Zeit für Gefühle: Die Krux mit den Emotionen in der Partnerschaft.

Zurhorst, Eva-Maria (2019) Soulsex: Mit Lust die Liebe neu entdecken

Was passiert bei der sexuellen Erregung?

Bei der sexuellen Erregung kann man zwischen einen schnellen und einem langsamen System unterscheiden. Das schnelle, genetische System ist noch tief in unseren Ursinstinken verankert, und ist vorallem vom Willen zur Fortpflanzung getriggert.
Das langsamere, kognitive System bezieht rationale Bewertungen bereits mit ein. Einen guten Überblick findet man in diesem Artikel Geschlechterunterschiede in der Wahrnehmung sexueller Erregung

Was ist sexuelle Erregung?

Sexuelle Erregung ist eine körperliche Reaktion, die man nicht bewusst auslösen kann. Allerdings kann man Situationen schaffen, in denen mit höher Wahrscheinlichkeit sexuelle Erregung ausgelöst wird. Die sexuelle Erregung kann bis zu einen „Point of no return“ gesteigert werden, und der Orgasmusreflex wird ausgelöst. Dies führt bei Männern unweigerlich zur Ejakulation.

Wie passen sexuelle Erregung und Slow Sex zusammen?

Beim Slow Sex steht das achtsame Miteinander im Hier-und-Jetzt im Vordergrund. Deshalb ist es auch von sekundärer Bedeutung, ob man sexuell erregt ist oder ob man zum Orgasmus kommt. Speziell für Slow Sex Anfänger fällt dieser Paradigmenwechsel oft schwer. Dabei wäre es einfach: Sexuelle Erregung wird sich auch im achtsameren Liebesspiel einstellen. Und es ist okay, wenn man einen Orgasmus hat – es ist allerdings kein Muss.

Available for Amazon Prime